Viele Daten verwischen die
individuellen Spuren
Die TU Dresden entwickelt ein Verfahren, das Anonymität im Internet bringen soll
Von Andrea Neitzel
Dass Internet-Nutzer unerkannt durchs Netz surfen können, ist Ziel des Projekts An.on, "Anonymität im Internet". Ins Leben gerufen haben es die Technische Universität Dresden und das Unabhängige Landeszentrum für Datenschutz Schleswig-Holstein. Interessanterweise wird das Vorhaben vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert: Das bereitet derzeit einen Entwurf vor, der Internet-Provider verpflichten will, alle Kommunikationsdaten auf eigene Kosten an Strafverfolger weiterzuleiten.
Wie würden Sie auf folgende Anweisung reagieren: Beim Betreten eines Einkaufszentrums müssen Sie sich ausweisen. Der Name wird notiert, außerdem bekommen alle einen elektronischen Knopf angeheftet, damit jederzeit festgestellt werden kann, in welchem Shop sich die Kunden gerade aufhalten, wo sie ihren Espresso trinken und welche Zeitung sie an welchem Kiosk gekauft haben. Begründung der Betreiber: Die Kriminalität im Einkaufszentrum sei so hoch; außerdem geschehe alles zum Wohl der Kunden, die so im Hinblick auf ihre Einkaufswünsche viel besser betreut werden könnten. Was würden Sie tun ? Vermutlich ablehnen und den Laden nie wieder betreten.
Doch im Internet passiert genau das: Wer surft, zieht eine breite Spur hinter sich her, so dass die Wege durch das Netz exakt nachvollzogen werden können. Und spätestens wenn noch weitere Daten anfallen, Nutzer etwa Internet-Formulare ausfüllen, Suchmaschinen verwenden oder eine SMS über das Netz verschicken, erhalten stille Beobachter reichlich Informationen, aus denen beispielsweise Marketingfirmen detaillierte Profile zusammenstellen. Auch Arbeitgeber, Versicherungen, Geheimdienste oder Kriminelle sind an dem Material interessiert.
Für den schleswig-holsteinischen Datenschützer Helmut Bäumler ist das ein untragbarer Zustand: "Das Recht auf Anonymität im Internet, das im Teledienstdatenschutzgesetz garantiert ist, muss endlich effektiv durchgesetzt werden", fordert er in einer Pressemitteilung. Deshalb wollen das Landeszentrum für Datenschutz und die Technische Universität Dresden Nutzern ermöglichen, sich spurenlos im Netz zu bewegen. Dazu entwickeln die Dresdner unter der Leitung von Hannes Federrath einen Dienst, dessen Basis auf vielen unabhängigen Netzknoten beruht (http://anon.inf.tu-dresden.de). Die Anfragen gehen nicht direkt an die Webserver, sondern über mehrere zwischengeschaltete Rechner - eine so genannte Mix-Proxy-Kaskade.
Wenn viele Surfer gleichzeitig den Anonymitätsdienst nutzen, werden die Internetverbindungen jedes Einzelnen unter denen aller anderen Anwender versteckt: Jeder Benutzer könnte der Urheber einer Verbindung gewesen sein. Der gewünschte Effekt: Niemand, kein Außenstehender, kein anderer User, kein Geheimdienst, nicht einmal der Betreiber des Anonymitätsdiensts selbst, kann herausbekommen, welche Verbindungen ein bestimmter Benutzer aufbaute.
Das ist auch der Vorteil gegenüber bestehenden Verfahren, die Datenspuren verschleiern. Dort ist die Krux, dass man dem jeweiligen Anbieter vertrauen muss. Bei dem Dresdner Modell werden in der Regel in einer Kaskade mindestens drei Mix- Proxys arbeiten, die von unabhängigen Institutionen betrieben werden und die in einer Selbstverpflichtung erklären, dass sie weder Log-Files über die transportierten Verbindungen speichern noch mit den anderen Mix-Proxy-Betreibern Daten austauschen. Die im Projekt entwickelte Software soll künftig als Open-Source allen Nutzern offen gelegt und frei zugänglich gemacht werden.
Spannend ist in diesem Zusammenhang, dass das Projekt vom Bundeswirtschaftsministerium mit insgesamt 1,7 Millionen Mark gefördert wird. Denn ein gerader veröffentlichter Referenten-Entwurf des gleichen Ministeriums sieht vor, dass alle Betreiber von Telekommunikationsanlagen, die ihre Dienste öffentlich anbieten, zur Aufzeichnung und Weiterleitung der Kommunikationsdaten an Strafverfolger verpflichtet werden. Und auch Innenminister Otto Schily (SPD) ist nun ausweislich kein Freund von spurlosem Surfen. Er hat bereits mehrfach postuliert, Anonymität im Internet sei kein Grundrecht.
Der Projektleiter und Initiator von An.on, Hannes Federrath, erklärt sich den Widerspruch damit, dass in Deutschland derzeit überlegt werde, wie viel Anonymität die Gesellschaft braucht. "Ich kann das Anliegen der Strafverfolger ja verstehen. Aber man kann mit dem Verweis auf Strafverfolgung nicht die Grundrechte aushebeln", sagt er. Federrath vermutet, der Bund fördere das Projekt auch, um diese Diskussion voranzutreiben.
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Frankfurter Rundschau 2001
Dokument erstellt am 19.02.2001 um 21:26:06 Uhr
Erscheinungsdatum 20.02.2001