Wer will schon die gläserne Toilettentür?
Neue Technologien ermöglichen die Überwachung total das Schutzbedürfnis wächst
Von Kai Gohlke, MZ
REGENSBURG. Ein Kunde betritt ein Kaufhaus. Ein elektromagnetische
Scanner im Türrahmen erfasst anhand von in die Etiketten eingenähten
Mikrochips, welche Kleidung der Mann trägt: Hose, Jacke, Schuhe,
Unterwäsche jeweils mit Marke, Größe, Preis und Herstellungsdatum. In
dieser Kombination ergibt sich daraus eine Signatur, die zumindest für
diesen Tag so charakteristisch ist wie ein Fingerabdruck. Eine
Videokamera nimmt gleichzeitig das Gesicht auf, der Zentral-Computer
rechnet unverwechselbare Merkmale heraus. Überwachungskameras und
weitere Scanner können nun den Weg des Kunden verfolgen: Welche
Abteilungen besucht er, wo bleibt er länger stehen, trinkt er
zwischendurch einen Kaffee? Und vor allem: Was kauft er am Ende ein?
Wertvolle Daten für die Marketing-Abteilung und der Kunde bekommt von
all dem nichts mit. Eine Vision? Vielleicht. Doch die Technik ist
von diesen Möglichkeiten höchstens einen Steinwurf entfernt und die
Entwicklung läuft auf Hochtouren. Bleibt die Frage: Wäre so etwas
erlaubt? Und gäbe es einen Weg für den Kunden, sich vor so viel
Überwachung zu schützen? Zentrum für IT-Sicherheit Der
Konflikt zwischen dem technisch Machbaren und dem für den Einzelnen
Wünschenswerten war nur ein Randaspekt bei der Konferenz «Sicherheit
durch Informationstechnologien», mit der in der vergangenen Woche im
Regensburger IT-Speicher der Startschuss für den «IT-Security Cluster
Oberpfalz» fiel. Doch er zeigte beispielhaft, wie wertvoll ein solches
regionales Netzwerk für alle Beteiligten sein kann: Denn die Hersteller
neuer Informations-Technologien haben natürlich vor allem die
Anforderungen ihrer Auftraggeber in unserem Beispiel das Kaufhaus im
Blick. Dass durch diese Technik aber auch neue Bedürfnisse in der
Bevölkerung entstehen können etwa der Wunsch des Kunden, sich vor einer
elektronischen Verfolgung bei seinen täglichen Einkäufen zu schützen
ist ein Aspekt, der typischerweise zuerst von der Wissenschaft erkannt
wird. Wenn ein Hersteller diese Anregung früh in seine Entwicklung
einbezieht, hat er später auf diesem Gebiet die Nase vorn. In den
Pionier-Zeiten des Internets machte sich noch kaum jemand Gedanken über
Sicherheitsfragen. Es ging ja eben gerade darum, Informationen
jedermann zugänglich zu machen. Doch mit der steigenden
wirtschaftlichen Bedeutung wurde es immer wichtiger, dass Daten nur
ausgewählten Empfängern zugänglich waren. Inzwischen gehört die
Verteidigung des eigenen Informationsbestands gegen Angriffe aus dem
globalen Netz ganz selbstverständlich zu den Anforderungen an die
Informationstechnologie ein Milliarden-Geschäft für Software-Anbieter
und System-Spezialisten. Trotzdem, betonte EU-Kommissar Erkki
Liikanen, gebe es noch großen Handlungsbedarf: 75 Prozent der
Unternehmen in Europa verfügten derzeit über keine
Sicherheitsstrategie. Dabei sei die Informationssicherheit die
entscheidende Voraussetzung für die Entwicklung
unternehmensübergreifender Prozesse. Viele kleine Unternehmen könnten
derzeit keine Geschäftsbeziehungen mit großen Unternehmen aufbauen,
weil sie deren Sicherheitsanforderungen nicht erfüllten. Auf
juristischem Weg gibt es kaum eine Möglichkeit, elektronische
Übergriffe zu verhindern, wie Gerhard Schmid, Vizepräsident des
Europäischen Parlaments und Mit-Initiator des IT-Security Clusters
Oberpfalz, erläuterte. Auf dem internationalen Terrain des Internets
könne der Staat seine Bürger nicht schützen, wenn «Hacker-Abteilungen»
ausländischer Geheimdienste oder konkurrierender Firmen in Netzwerke
eindringen oder Mails abfangen. Doch im Bereich der
Wirtschaftsspionage sei dies ohnehin nur ein Teilbereich: Viel öfter
würden Daten vor Ort gestohlen, zum Beispiel durch frustrierte oder
unzufriedene Mitarbeiter. Dass die großflächige Überwachung des
weltweiten Daten-Verkehrs etwa durch das sagenumwobene «Echolon»-System
konkreten Schaden angerichtet habe, sei nur in sehr wenigen Fällen
belegbar, sagte Schmid. Trotzdem rät er allen Firmen, jede
elektronische Kommunikation zu verschlüsseln auch solche, die man
selbst eigentlich gar nicht für so schützenswert halte: «So müllen Sie
jede Auswertung zu.» Grundsätzlich verschlüsseln Ein Rat, den
Professor Hannes Federrath von der Universität Regensburg nachdrücklich
auch allen privaten Internet-Nutzern gibt. Das häufig vorgebrachte
Argument «Ich hab doch nichts zu verbergen», lässt der Experte für
Informationssicherheit nicht gelten. Schließlich mache man, wenn man
auf die Toilette gehe, auch die Tür hinter sich zu obwohl doch jeder
wisse, welche Geschäfte man dort erledigt. Es gebe eben ein
Grundbedürfnis nach Privatsphäre im realen Leben ebenso wie im globalen
Netz. Es gehe niemanden etwas an, welche Seiten man im Internet besucht
und an wen man welche Nachrichten schickt. Federrath dreht deshalb
die Argumentation um: «Es gibt keinen Grund, auf Verschlüsselung zu
verzichten.» Systeme wie «Pretty Good Privacy» oder «Gnu Privacy Guard»
seien effizient, einfach zu bedienen und kostengünstig. Technische
Probleme gebe es dagegen noch im Bereich der Digitalen Signatur, mit
der man rechtsverbindlich Geschäfte im Internet abschließen kann. Die
Schwachstelle sei hier der PC, über den der Signatur-Vorgang
abgewickelt wird und der relativ leicht angreifbar ist. Ein
Lösungsansatz: Spezielle Endgeräte mit integriertem Display und
Tastatur für die Eingabe der PIN-Nummer hier seien einmal mehr die
Hersteller gefragt.
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