WISSENSCHAFT Dienstag, 31. Juli 2001
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Anonym bei der Online-Suchtberatung

Wer sich im Internet unbeobachtet bewegen möchte, kann sich in Gruppen verstecken

Wer sich an einen Arzt wendet, weiß, dass dieser unter Schweigepflicht steht. Das gilt auch für Berater von Konsumenten illegaler Drogen. „Anonymität“, sagt Karin Wiggenhauser von Condrobs in München, „ist hier unglaublich wichtig.“ Schließlich sind Besitz, Handel und Weitergabe solcher Substanzen strafbar. „In den Beratungsgesprächen wird immer wieder gefragt, ob die Informationen, die wir bekommen, wirklich vertraulich behandelt werden“, erklärt die Psychologin. Sonst würden viele Betroffene den ersten Schritt aus dem Teufelskreis von Sucht und – häufig – Beschaffungskriminalität, den eine Kontaktaufnahme mit den Drogenberatern bedeutet, wohl nicht tun.

Gerade das Internet erscheint vielen Menschen ideal, um sich über Themen zu informieren, über die zu sprechen sie sich nicht trauen. Die Gründe hierfür können in der Angst vor einer Stigmatisierung liegen. Auch Drogenkonsumenten, die ihre Sucht verbergen wollen, könnte das Netz als Ort erscheinen, in dem sie sich anonym bewegen können.

„Anonymität im Internet ist eine Illusion“, weiß dagegen Hannes Federrath von der Technischen Universität Dresden. Ob es sich um die US- amerikanische National Security Agency (NSA), den Verfassungsschutz oder um Anbieter von Internetseiten handelt: Wer will, kann gut verfolgen, welche Seiten ein Surfer aufsucht. Auch die elektronischen Nachrichten können gelesen werden. Das ist auch Drogenberatern im Internet bewusst.

So wird etwa auf den Seiten der Medizinischen Universität Lübeck zur Ecstasy-Prävention der Aspekt Vertraulichkeit besonders betont. Wer zum Thema Drogen eine E-Mail an den Psychologen Uwe Ruhl (Universität Bremen) senden möchte, dem wird empfohlen, sich das Programm PGP (Pretty Good Privacy) herunterzuladen. Diese Software verschlüsselt die Nachrichten so, dass nur Sender und Empfänger den Inhalt lesen können. „Es ist eine Frage der Ethik, dass vertrauliche Daten von Ratsuchenden auch vertraulich behandelt werden“, erklärt Huberta Kritzenberger von der Lübecker Universität, Projektleiterin beim Aufbau des Online-Angebots. Der Besuch auf den Seiten selbst lässt sich nach wie vor beobachten, die Spur im Internet zum Surfer zurückverfolgen.

In Zusammenarbeit mit dem Lübecker Ecstasy Online-Projekt und weiteren deutschen Institutionen haben Dresdner Wissenschaftler um Hannes Federrath nun ein System in Betrieb genommen, welches genau dies verhindern kann: Die von Federraths Team entwickelte Software JAP (Java Anon Proxy) verschlüsselt die vom Computer ins Netz gesendeten Daten, und schickt sie über eine so genannte Mix-Kaskade. Konkret bedeutet das, dass Informationen etwa zu einem Rechner der Lübecker Universität gehen, von dort zur Freien Universität Berlin und weiter zur Technischen Hochschule Aachen. An jeder Station werden die Daten mit denen anderer Internetbesucher gemixt, in der Größe angeglichen und zeitgleich weiter gesendet.

Das stärkste Glied der Kette

Ein potenzieller Beobachter kann nun zwar noch feststellen, wer am Datenstrom beteiligt war, und wohin die einzelnen Daten gingen. Es ist jedoch nicht mehr möglich, zu bestimmen, welcher Teilnehmer welche Seite besucht hat – es sei denn, die Provider würden sich absprechen. Allerdings müssten schon alle Anbieter ihrer Selbstverpflichtung untreu werden, in der sie dies ausgeschlossen haben. „Die Sicherheit hängt hier vom stärksten Glied in der Kette der Mixer ab“, erklärt Federrath. Kunden von AOL und Surfer, die hinter der Firewall sitzen, wie sie viele Unternehmen um ihr internes Computer- Netzwerk aufbauen, müssen zwar noch auf den Einsatz von JAP verzichten. Die Dresdner hoffen jedoch, dieses Problem bald zu bewältigen.

Gerade bei der Internet-Beratung von Suchtkranken wird noch eine Schwäche des Programms deutlich. „Die Besucher solcher Seiten haben normalerweise andere Sorgen, als sich Software herunterzuladen und auf dem Rechner zu installieren“, räumt Federrath ein. „Wir wollen ein System entwickeln, das die Anonymität gewährleistet, ohne dass der Betroffene etwas unternehmen muss.“ Bislang existiert dazu nur ein theoretischer Ansatz. Aber in höchstens zwei Jahren sei man soweit, hofft der Ingenieur.

Trotz der garantierten Anonymität soll das System aber kein Zufluchtsort für kriminelle Handlungen werden. „Im Prinzip ist es möglich, eine Art Fangschaltung zu installieren“, erklärt Federrath. Sollte die Polizei gegenüber einer bestimmten Person einen Verdacht haben, so ließe sich die Mix- Kaskade für einige Millisekunden allein dem Verdächtigen zugänglich machen. Ohne den „Schutz“ der Gruppe ließe sich seine Kommunikation verfolgen. Nur eine Massenüberwachung der Surfer bliebe unmöglich.

Markus Schulte von Drach