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(SZ
vom 25.06.2002) - Auf den Internetseiten einer Selbsthilfegruppe für
Drogen, Aids oder Spielsucht wären Besucher vermutlich froh, anonym
surfen zu können. Ohne besondere Vorkehrungen ist das jedoch eine
Illusion: Der besuchte Rechner kennt die gerade gültige
Internet-Adresse seines Gastes und sein Internet-Provider weiß, welche
Person sich dahinter verbirgt. Wer Zugang zu solchen Verbindungsdaten
bekommt, kann das Surfverhalten eines Web-Nutzers lückenlos
nachvollziehen, ohne dass der Ausgespähte jemals davon erfährt.
Wissenschaftler
versuchen schon eine Weile, diese Gefahr einzudämmen. „Wir können
Systeme so bauen, dass solche Daten nicht zu erfassen sind“, erläutert
Andreas Pfitzmann vom Lehrstuhl für Datenschutz und Datensicherheit der
Technischen Universität Dresden. Ein „Mix“ wirbelt die übertragenen
Daten so durcheinander, dass kein Beobachter Sender und Empfänger
zuordnen kann. So taucht der Internetreisende quasi in einer großen
Gruppe von Nutzern unter. „Wenn ein Surfer einen Mix nutzt, könnten wir
nur noch feststellen, dass er mit diesem Mix kommuniziert, aber nicht
mehr, wohin er surft“ beschreibt Martin Seeger, Mitbegründer des Kieler
Providers Netuse den Effekt der Technik. Wer die Dresdner Software JAP
herunter lädt, kann seine Web-Aufrufe über eine Mixkaskade, also eine
ganze Serie von Mixen leiten (SZ, 23.1.2001). Solche Mixe sollte der
Staat seinen Bürgern als „Grundversorgung“ zur Verfügung stellen,
fordert Pfitzmann.
Aber ebenso könnten Internet-Provider,
Banken, Kirchen, Parteien oder andere Organisationen ihren Kunden oder
Mitgliedern einen Einstiegspunkt ihres Vertrauens anbieten. Wenn einige
dieser Verschleierungsstellen unzuverlässig arbeiten, beeinträchtigt
das die anderen Datenquirls nicht. „Im Gegensatz zu allen Versuchen,
erhobene Daten zu schützen, setzen Mixe nicht auf Perfektion“, so
Andreas Pfitzmann. „Selbst wenn es möglich ist, einige Knoten
auszuforschen, können die anderen noch für Anonymität sorgen“.
Für die Ermittlungsbehörden sind gemixte Internetzugriffe daher eine harte Nuss. Das Bundeskriminalamt lehnte auf Anfrage der Süddeutschen Zeitung
eine Stellungnahme zu dieser Anonymisierungstechnik „aus
ermittlungstaktischen Gründen“ ab. „Will man eine Verbindung
zurückverfolgen, müssten alle Mix-Betreiber ihre Daten heraus geben“,
sagt Pfitzmann. Derzeit sind sie aber nicht einmal verpflichtet, die
Verbindungsdaten und die zum Offenlegen nötigen Schlüssel
aufzuzeichnen.
Wenn sich diese Technik durchsetzt, könnten
sich die Ermittler ihre Arbeit nach den Vorstellungen des Dresdner
Informatikers nur erleichtern, wenn sie selbst einen Mix anbieten.
Bürger, die sich gegen Werbetreibende, organisierte Kriminalität oder
fehlerhafte Datenverarbeitung schützen wollen, wären mit einem von der
Polizei betriebenen Mix ausreichend versorgt und geschützt: Er würde
nur auf eine richterliche Anordnung hin Verbindungsdaten offenlegen.
Kriminelle würden andere oder zusätzliche Anonymisierungsdienste in
Anspruch nehmen, die Ermittlungen ließen sich damit eingrenzen: Wer den
Polizeimix benutzt, wäre eher unverdächtig, aber umgekehrt nicht jeder
verdächtig, der nicht bei der Polizei mixen lässt. „Das ist keine
perfekte Strategie, aber das Beste, was Polizei oder Geheimdienste
erreichen können“, so Pfitzmann, „denn die intelligenteren Kriminellen
nutzen Anonymisierungsdienste auf jeden Fall.“ Die Überwachung
der Kommunikation wird so im Einzelfall schwieriger und teurer als
durch die von einigen Politikern favorisierte Vorratsspeicherung von
Daten (siehe Artikel unten „Der große Bruder wird größer“). Pfitzmann
sieht das als willkommenen Nebeneffekt: „Überwachung muss in jedem
Einzelfall teuer sein, damit sie nur dann erfolgt, wenn sie wirklich
notwendig ist.“ Unter dem Strich entstünden nicht unbedingt mehr
Kosten, denn „die derzeit diskutierte Vorratsspeicherung erfordert eine
teure Infrastruktur deren Nutzung dann vergleichsweise billig ist.“
Nur:
Die Ausgaben könnten dann nicht mehr so leicht den Kunden aufgebürdet
werden. „Auf jeder Telefonrechnung fallen bis zu 15 Prozent der
Gebühren für die Bereitstellung der Daten zur Überwachung an“, schätzt
Martin Seeger vom Provider Netuse. „Im Online-Bereich könnten die
Kosten bei dem jetzt diskutierten Umfang der Überwachung eher noch
höher liegen.“ Gratis ist jedoch auch die Anonymität nicht. Derzeit
bezahlen die Surfer zwar nur mit einer etwas verringerten
Übertragungsrate. Nach Ende der Förderung des Dresdener
Anonymisierungsprojekts wird aber auch dieser Service kostenpflichtig
werden.
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