Persönliche Stellungnahme zu der Meldung "Einstellung des Anonymisierungsdienstes AN.ON droht" vom 17.10.2001
Hannes Federrath, 20.10.2001
Am 17.10.2001 erschien im Newsticker von Heise online eine Meldung mit der Überschrift "Einstellung des Anonymisierungsdienstes AN.ON droht", die teils heftige Reaktionen ausgelöst hat. Hierzu möchte ich Folgendes feststellen:
Die Aussage, die Einstellung unseres Anonymisierungsdienstes drohe, entspricht nicht den aktuellen Tatsachen. Derzeit plant niemand die Abschaltung des Dienstes. Wer die Meldung vollständig gelesen hat, erkennt, dass die Überschrift nur ein reißerischer Aufmacher war, der den Inhalt der Nachricht nicht repräsentiert.
Im Übrigen war meine Aussage auf dem Kongress "Wizards of OS" Teil einer subjektiven Projektion in die nächsten 5 Jahre. Ich sprach also darüber, wie sich die Zukunft entwickeln könnte. Vor diesem Hintergrund sind auch die Aussagen bzgl. der drohenden Umsetzung der Cybercrime Convention in nationales und EU-Recht und der damit verbundenen potentiellen Speicherpflicht von Kommunikationsereignissen zu verstehen.
Es entspricht den Tatsachen, dass wir uns schon seit einigen Monaten, also schon vor den Attacken vom 11. September, gedanklich mit dem Thema Strafverfolgung im Spannungsfeld mit den Bürgerrechten und mit der technischen Machbarkeit und Sinnhaftigkeit beschäftigen.
Wir halten es für notwendig, weiterhin auf eine pauschale, vorbeugende Speicherung aller Nutzungsdaten zu verzichten, wie dies auch die heutige rechtliche und im AN.ON-Dienst tatsächliche Situation ist. Ein technischer Vorschlag für ein mögliches Vorgehen im Einzelfall ohne eine Vorratsspeicherung von Nutzungsdaten, der schon des längeren in unserem Projekt diskutiert wird, ist die von mir als "Fangschaltung" bezeichnete Möglichkeit, schwerkriminelle Zugriffe im Falle einer richterlichen Anordnung zur IP-Adresse des Aufrufers zurückzuverfolgen. Hierzu müsste der Dienst kurzzeitig von Normalbetrieb in einen "Strafverfolgungsmodus" geschaltet werden, in dem jegliche Nutzung des Dienstes für kurze Zeit unmöglich wird. Viele Überwachungsmaßnahmen würden also zu vielen Unterbrechungen führen, aber niemals könnten alle Kommunikationsereignisse zurückverfolgt werden. Somit wäre eine Massenüberwachung ausgeschlossen.
Ein System, das jegliche Rückverfolgung perfekt verhinderte, wäre aus meiner persönlichen Sicht in der Praxis gefährlich. Als Wissenschaftler haben wir m.E. die Pflicht, auch Erkenntnisse, die uns nicht ins Konzept passen, näher zu untersuchen, objektiv zu bewerten und Schlussfolgerungen daraus zu ziehen. Es ist also Teil unserer Forschungsarbeiten, auch die negativen Sekundäreffekte eines solchen Systems zu untersuchen. Die Behauptung einiger Kommentatoren der Meldung, dass wir in "vorauseilendem Gehorsam" handeln würden, zeugt von Einfältigkeit. Schließlich kann eines unserer Ergebnisse auch sein, dass die Verfolgung von Kommunikationsereignissen in der Praxis nicht möglich ist, wie wir es beispielsweise bei unseren Forschungen im Bereich Steganographie festgestellt haben. Hier sind wir zu dem Ergebnis gekommen, dass eine Reglementierung oder gar das Verbot von Kryptographie gefährliche Folgen für die Sicherheit und die Strafverfolgung haben kann, da Verbrecher dann ausweichen würden auf Kommunikationsformen, bei denen nicht einmal feststellbar ist, dass geheim kommuniziert wurde.
Bevor wir die Fragen bzgl. Anonymität jedoch qualifiziert beantworten können, sind weitere Forschungsarbeiten nötig.
Im Übrigen entspricht es nicht der Wahrheit, dass wir mit Strafverfolgungsbehörden "gemeinsame Sache" machen, um die Leute besser ausspähen zu können, wie bei einigen Lesern der Eindruck entstanden sein mag. Die Tatsache, dass AN.ON ein vom Bundeswirtschaftsministerium gefördert Forschungsprojekt ist, unterstreicht, dass unser Staat durchaus sensibel für den Schutz des Bürgers auch vor Ausforschung durch den Staat selbst ist. Schließlich ist es unser Ziel, einen Dienst zu entwickeln, der selbst vor Schnüffelversuchen seines Betreibers schützt.
Abschließend noch ein paar Bemerkungen zu einigen Zusammenhängen, die die Attacken vom 11. September sehr deutlich gemacht haben: Eine Ohnmachtssituation wie die des 11. Sept. zeigt, dass wir alle chancenlos waren, die Verbrechen zu verhindern. Warum? Weil die Verbrecher sich ganz bewusst in der Anonymität und Unauffälligkeit der Masse bewegten – im ganz normalen Leben, auch ohne Einsatz von High-Tech. Dies gelang ihnen nahezu perfekt. Sie hinterließen keinerlei auffällige Spuren, an denen man hätte ansetzen können, um die Verbrechen zu verhindern. Die Folge ist: Wenn keine Möglichkeit der Strafverfolgung mehr vorhanden ist, z.B. weil die Täter keinerlei Spuren hinterlassen haben, dann verschlimmert das die Situation: Der Staat — alle Betroffenen — empfinden Machtlosigkeit und sind womöglich plötzlich bereit, Freiheiten aufzugeben.
Bezogen auf Anonymisierungsdienste heißt das: Wenn es vollständig unmöglich wird, Straftaten, die über solche Systeme begangen werden, im Nachhinein aufzudecken, werden die Opfer und deren "Rächer" in ihrer Argumentation bestärkt, dass wir mehr Überwachung brauchen. Deshalb benötigen wir Verfahren, bei denen es möglich ist, schwere Straftaten ganz zu verhindern oder anderenfalls zu verfolgen, aber bei denen ein Missbrauch zur Massenüberwachung bereits technisch ausgeschlossen ist. Dafür setze ich mich als Wissenschaftler ein.